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MICHAEL TRIEGEL "Papst Benedikt XVI."
BILDER und PRESSESTIMMEN




Michael Triegel "Papst Benedikt XVI.", 2010, Mischtechnik/ MDF-Platte, 100,5 x 76 cm

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Das zweite Papstporträt

Am 16. April 2013 - dem 86. Geburtstag Joseph Ratzingers - übergibt Michael Triegel das zweite Porträt Benedikt XVI. als Leihgabe an die Deutsche Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom.
Die Botschaft beauftragte den Künstler 2012 mit einem weiteren Porträt des mittlerweile von seinem Amt zurückgetretenen Benedikt.

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Programmhinweis | Michael Triegel auf ServusTV
Ausstrahlung: 22. September 2011 um 20:15 Uhr


Am 22. September zeigt der Sender ServusTV einen 40-minütigen Filmbeitrag über den Maler Michael Triegel.

Seit seinem Papstporträt ist er weltberühmt: Michael Triegel, Maler und Atheist aus Leipzig. Sein Stil zeichnet sich durch handwerkliche Perfektion und einer starken Orientierung an die Renaissance-Meister aus. Die Sammler in Europa und in den USA sind entzückt, viele Kollegen halten Triegels Werk jedoch für rückwärts gewandt. ServusTV porträtiert den Künstler in seinem Atelier, in der ewigen Stadt Rom und an seinen Kindheitsorten.


Michael Triegel vor dem Altar für die Dettelbacher Stadtpfarrkirche
© Galerie Schwind Leipzig | Frankfurt am Main


Wiederholungen:
Freitag, den 23. September 2011 um 10:50 Uhr
Sonntag, den 25. September 2011 um 8:40 Uhr

Das Video ist in der Mediathek von ServusTV verfügbar:
www.servustv.com

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"Benedikt XVI." zu Gast im Angermuseum Erfurt

Anlässlich des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Erfurt ist das 2010 entstandene Papstporträt des gebürtigen Erfurters Michael Triegel (* 1968, lebt in Leipzig) in der Gemäldegalerie des Angermuseums öffentlich zu sehen.

Michael Triegel studierte 1990 bis 1995 Malerei und Graphik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Prof. Arno Rink, nach dem Diplom folgte ein zweijähriges Meisterschülerstudium bei Prof. Ulrich Hachulla als Landesstipendiat. Mehrere Förderpreise und Auszeichnungen folgten. 2010 erhielt Michael Triegel den Auftrag für ein Porträt Papst Benedikt XVI. für das Bistum Regensburg. Von der Kunstkritik oft der Neuen Leipziger Schule zugerechnet, wird Triegel auch als "Tübke-Enkel" der Leipziger Schule bezeichnet.

Ermöglicht wird die Sonderpräsentation, die vom 9. September bis 3. Oktober 2011 zu sehen ist, durch den Förderverein Freunde des Angermuseums e. V.  

Angermuseum Erfurt
Anger 18
99084 Erfurt

Öffnungszeiten: Di - So 10-18 Uhr
Ab 17 Uhr ist der Eintritt Frei.

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Fernsehbeitrag vom 19.07.2011, 19 Uhr
MDR - Thüringen Journal

Michael Triegel - Der Papst-Portraitist

Mit 1000 Mark und einem Zelt kam Michael Triegel vor über 20 Jahren nach Rom, um sich die Kunst zu Gemüte zu führen. Längst kam er zurück, um selbst Teil der Kunst zu werden ...

Zum Film


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DIE ZEIT vom 18.11.2010 Nr. 47
Autor: Sven Behrisch
Das wahre Gesicht der Kirche

Nächste Woche zeigt Leipzig das erste deutsche Porträt des Papstes: Michael Triegel malte Benedikt in altmeisterlicher Manier. In der DDR gab es die SED, gegen die man anmalen konnte. Heute, sagt Michael Triegel, sei es dagegen so, dass man als Künstler machen könne, was man wolle, und alle fänden es toll. Ob man ein Stück Stoff bekrakelt, ein Blatt Papier zusammenknüllt oder nasebohrend in eine Kamera brüllt – das Publikum applaudiert. Frenetisch, glücklich, ahnungslos. Der Mythos von der Freiheit der Kunst wird angebetet, ihre Werke aber werden nicht mehr angeschaut. Dabei sei der Künstler überhaupt nicht frei. Weder von den Mechanismen des Marktes noch von der Langeweile des Liberalismus. Die letzte große Provokation sei es, ein Auftragswerk zu malen nach Manier der Alten Meister. So viel Rechtfertigung lässt vermuten, Michael Triegel habe Osama bin Laden porträtiert. Doch das Bild, um das es geht und das noch an der Wand seines Leipziger Studios lehnt, zeigt Papst Benedikt XVI – »der Heilige Vater« nennt ihn Triegel, konfessionslos. Merkwürdig klingen diese Worte in der Baumwollspinnerei, in deren Ateliers seit einigen Jahren das ganz große Geld für die ganz hippe Kunst gezahlt wird; wo der Gott des Kunstmarkts waltet, hofiert von tüchtigen Galeristen. Doch jetzt haben sich mit dem Papst und dessen Porträtisten die zwei Richtigen gefunden, vereint in ihrem Misstrauen gegen den Modernismus und den Götzen Gegenwart. Gelernt hat Triegel, 41, die Technik der Renaissancemeister bei Arno Rink an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Rink wiederum studierte bei Werner Tübke, der politisch in der DDR, aber stilistisch im späten 16. Jahrhundert lebte. Tübke provozierte mit den Renaissancefiguren auf seinen Geschichts-Tableaus regelmäßig die Parteiführung. Deshalb spricht Triegel von der Gnade der frühen Geburt, die Tübkes Generation zuteil geworden sei. Im totalitären System habe ein Künstler noch provozieren können. Ihm selbst aber bleibe, wie dem Papst, nur der einsame Protest gegen das Mantra der Innovation. In der Tat: Bei Benedikt und Triegel trifft sich das Altväterliche mit dem Altmeisterlichen.
Beide fühlen sich unwohl in der Gegenwart und sehnen sich ins selige Damals zurück, als das Wort des Vaters und die Zentralperspektive noch heilig waren. Bei Triegel darf Benedikt standesgemäß thronen. Es ist die klassische Papst-Haltung, Raffael hat sie mit seinem Porträt von Papst Julius II. geprägt. Ein müder Mann mit weißem Bart sitzt dort nach vorne gebeugt in seinem Sessel, in der Rechten das fazzoletto – ein allegorischer Hinweis auf das Schweißtuch der Veronika, mit dem diese das Gesicht des Heilands auf dem Weg nach Golgatha trocknete. Sein Blick ist leer und geradeaus gerichtet. Troppo vero , nur zu wahr, soll Julius gesagt haben, als er das Bild in Empfang nahm, nicht eben begeistert von seiner Darstellung. Triegels Benedikt dagegen ist hellwach. Zwar hängt sein Körper ein wenig geknickt in der rechten Ecke des Throns, aber sein Blick, skeptisch und bohrend, geht über den Zettel in seiner Linken geradewegs auf den Betrachter. Für gewöhnlich, in der Realität, ruht Benedikt in weißem Habit auf einem ebenfalls weißen, mit Gold durchwirkten Sessel, als wollte er zeigen, wie sehr er mit dem Stuhl Petri verschmolzen sei. Künstlerisch macht sich das aber nicht so gut, weshalb Triegel einen roten Bezug mit Granatapfelmuster wählte, vor dem sich der alabasterne Körper deutlich abhebt. Ganz in Weiß wird da ein etwas durchtriebenes, mit Mitte achtzig schon faltiges Engelchen porträtiert. Geht man ganz nah an das Bild heran, sieht man neben den Altersflecken auf der weichen, fast transparenten Haut, dass der Mund leicht geöffnet ist. Eine Papst-Lefze im rechten Mundwinkel. Sie könnte ein Lächeln andeuten. Oder auch den harten Spott des alten Mannes, der uns mitteilen will, wie unfähig wir sind, die wahre Lehre des Christentums zu begreifen. Der Papst hat ein Porträt bekommen, das – nur zu wahr – zwischen intellektuellem Despoten, ängstlichem Greis und entrücktem Weisen schwankt. Technisch ist das so brillant gemacht, dass Benedikt es fast gar nicht verdient. Denn wie von allem Heutigen hält er auch von der Kunst eher wenig.

Das wahre Gesicht der Kirche

Das Verhältnis zwischen Kunst und Kirche ist in den letzten 150 Jahren einem Nicht- Verhältnis gewichen. Einer liebt den anderen nicht. Die Kunst findet in der Kirche nicht mehr den kennerschaftlichen Förderer, dem von Giotto bis Caravaggio die großartigsten Werke zu verdanken sind; und die Kirche hat in der autonomen Kunst den konkurrierenden Antichrist erkannt. Namentlich Benedikt machte aus seinem Ekel gegenüber dem gottlosen Individualismus der Moderne nie einen Hehl. In einer Rede an die Künstler, die er im November letzten Jahres in Rom hielt, dekretierte er, wahre Kunst müsse unsere Herzen »der Nostalgie öffnen«, was im Umkehrschluss wohl bedeutet, dass die zeitgenössische, also falsche Kunst das Herz notwendig verstopfe. Während der Papst also standhaft gegen Verhütung predigt, scheint er dem Malervolk, gegen die Seuche des Relativismus, ästhetische Kondompflicht zu empfehlen. Dass sich diesem Benedikt dennoch ein Vertreter der Malerzunft näherte, hat ihm der Bischof von Regensburg Gerhard Ludwig Müller eingebrockt. Der erteilte Triegel vor gut zwei Jahren
den Auftrag zu einem Bild für das Institut Papst Benedikt XVI. In dem Institut, das die Schriften des Papstes herausgibt, soll sein Konterfei über die Verwaltung seines theologischen Nachruhms wachen. Triegel hatte sich bereits durch einige Arbeiten für die katholische Kirche bewährt. Auch den Regensburger Bischof selbst porträtierte er, in realistischer Manier, dem Betrachter freundlich zugetan, das Münster im Hintergrund. Für seine Auftraggeber erfüllte Triegel die Bedingung eines Porträtisten, der sich stilistisch in der Zeit am wohlsten fühlt, in der es auch der Kirche sehr behagte: dem 16. Jahrhundert. Für eine Porträtsitzung, so ließ Benedikt wissen, habe er leider keine Zeit. Aber »mein Raffael«, wie er seinen Porträtisten nannte, durfte sich immerhin einen guten Platz bei einer Massenaudienz aussuchen. Triegel nahm dem Heiligen Vater das nicht übel, denn für ihn ging ein Traum in Erfüllung. Rom und die Kunst der Spätrenaissance, Maler wie Bronzino und Caravaggio sind seine Fixsterne. Sein Künstlerleben lang hat er sich gemüht zu malen, wie sie malten, und nun war die Gelegenheit, sich auch in dem zu beweisen, was die Großen malten: den Papst. Aus Respekt vor dem alten, heiligen Mann hat der Maler seine Lieblingsmotive aus dem Bild verbannt: all die Gliederpüppchen, die verdorrenden Äpfel und den eklektischen Nippes, der sich sonst in seinen Werken ansammelt. Triegel malte den heiligen Sebastian und Narziss, mit Hummer und Blumenpostkarte; den Traum der Europa mit Regenbogen und Kirchenkuppel, einen Jesus als Selbstporträt. Christliche und mythologische Themen haben es ihm angetan, sie schrammen oft hart am Kitsch vorbei. Mit Benedikts konzentriertem Gemälde jedoch schuf Triegel nicht nur sein bestes Werk. Er gibt auch dem Genre des Papst-Porträts neuen Sinn. Denn dieses Gemälde hier huldigt weder dem Amt noch der Person. Hier ruht der Papst nicht gütig, mild und zufrieden in der Fülle seiner geistlichen Macht unangefochten von der Welt jenseits des Petersplatzes. Nein, hier kauert, von bleierner Schwärze umrahmt, ein einsamer Benedikt auf dem Stuhl Petri. Die Last des Amtes, die Anfeindungen haben seinen Körper schwer in den Sitz gedrückt, doch spitzbübisch funkelt sein Blick. Wie einen Kompass hält er ein Schriftstück vor sich. Triegel hat nicht nur den Papst, er hat die katholische Kirche porträtiert: herrisch und zweifelnd, überheblich und gebrechlich. Er hat geschafft, was der Kirche in letzter Zeit nicht immer gelang: sich menschlich zu zeigen. Das Papst-Porträt ist zu sehen ab dem 28. November im Museum der bildenden Künste in Leipzig in Michael Triegels Ausstellung »Verwandlung der Götter«

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Die Vorarbeiten

             
Portätstudie Papst Benedikt XVI. (I), 2010                               Porträtstudie Papst Benedikt XVI. (II), 2010
Mischtechnik auf MDF, 30 x 25,5 cm                                        Mischtechnik auf MDF, 44,5 x 34,5 cm

              
Studie Papst Benedikt XVI., 2010                                                     Studie Papst Rom, 2010
Mischtechnik auf Papier, 104,5 x 78,5 cm                                         Silberstift, 29 x 24,5 cm   

                
Portätstudie Papst Benedikt XVI. (III), 2010                                       Porträtstudie Papst Benedikt XVI. (IV), 2010
Mischtechnik auf MDF, 28,5 x 24 cm                                                 Mischtechnik auf MDF, 28,5 x 24 cm

            
Porträtstudie Papst Benedikt XVI. (V), 2010                                        Studie Bendikt XVI., 2010
Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm                                               Mischtechnik auf Malpappe, 16,5 x 11,5 cm


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WELT vom 07.01.2011
Autor: Rainer Haubrich
Michael Triegel "Ich male den Papst. Mehr Tabubruch geht nicht"

Maler Michael Triegel glaubt nicht mehr an die Avantgarde. Ein Gespräch über Lasurtechniken, die DDR, den Glauben – und die Haut Benedikts XVI.

"So sieht der Papst sich gern", schrieb eine Kritikerin über das Porträt von Benedikt XVI., das der Leipziger Maler Michael Triegel im Auftrag des Bistums Regensburg schuf. Da hat sie sich wohl von der altmeisterlichen Perfektion des Bildes blenden lassen. Wer genauer hinschaut, entdeckt ein durchaus ambivalentes Bildnis. Im Vatikan löste es keineswegs Begeisterung aus, wie Triegel erzählt.

Welt Online: Viele können nicht nachvollziehen, warum Künstler wie Sie heute genau so malen wollen.

Triegel: Ich suche mir das ja nicht aus. Ich muss diese Bilder machen, die sind in mir drin. Das klingt jetzt so nach 19. Jahrhundert oder wie Lieschen Müller sich Kunst vorstellt – aber so ist es. Wem es nicht gefällt, der soll sich was anderes angucken, wir sind ein freies Land.

Welt Online: Mit zeitgenössischer Kunst können Sie gar nichts anfangen?

Triegel: Na ja, die ist zum Glück vielfältig. Aber der Kunstzirkus kreist doch nur noch um sich selbst. Es gibt einen Inner Circle von Kuratoren, Künstlern und Kritikern, die den Markt und die Diskurse beherrschen. Dem möchte ich entfliehen. Die moderne Kunst ist an einem Endpunkt angelangt. Das damals so revolutionäre "Schwarze Quadrat" von Malewitsch ist jetzt hundert Jahre alt. Ich träume nicht von schwarzen Quadraten, sondern von Figuren, von Konstellationen zwischen Personen. Im Park Bomarzo bei Rom steht auf einem Stein: "Solo per toccar il cuore" – nur um das Herz zu berühren. Das traut man sich ja kaum zu sagen, weil das unter Kitschverdacht steht, aber ich glaube, darum muss es gehen.

Welt Online: Für Sie war die Moderne ein Irrweg?

Triegel: Die Moderne in ihrem Beginn war notwendig. Das späte 19. Jahrhundert entsprach auch nicht meinen Idealen von Kunst. Dass die beginnende Moderne gegen die damalige Salonmalerei angetreten ist und auch gegen die etablierten Institutionen, das war richtig. Das Verrückte ist nur: Heute wird immer noch dieser Avantgarde-Begriff bemüht. Dabei hat der sich doch längst totgelaufen. Diejenigen, die heute glauben, sie seien Avantgarde, deren Sachen hängen doch als erstes im Museum. Avantgarde heißt für mich etwas anderes, nämlich: das Überraschende, das nicht die Erwartungen der Institutionen bedient.

Welt Online: Nach dieser Lesart wären Sie Avantgarde.

Triegel: Ja. Und das rede ich mir in letzter Zeit auch manchmal ein. Nur weil man sich uralter Formen bedient, heißt das doch nicht, dass man die Zeit damals toll fand oder dass früher alles besser war. Auch die Renaissance hat die Antike als Steinbruch benutzt, trotzdem entstand daraus etwas Neues. So ist es bei mir auch. Ich male altmeisterlich, mit zwanzig Lasuren, ich nehme Auftragswerke an und male auch noch den Papst – mehr Tabubrüche gehen nicht. Mein Papst-Gemälde provoziert offenbar mehr als ein ausgelutschtes Kondom auf der Matratze.

Welt Online: Haben Sie im Studium alle altmeisterlichen Techniken gelernt?

Triegel: Einiges musste ich mir selbst aneignen, gerade was Lasur betrifft. Aber die Grundlagen der Mischtechnik haben sich seit van Eyck nicht verändert. Wie man sie verbindet, ist bei jedem Maler anders. Aber ich bin kein Technikfetischist. Ein russischer Besucher sagte mir neulich, dass bei van Eyck drei Tropfen Lavendelöl im Malmittel waren. Das ist mir völlig egal. Es muss vor allem praktikabel sein.

Welt Online: Malen Sie impulsiv? Oder eher, wie Richard Strauss komponierte: nach einem festen täglichen Zeitplan?

Triegel: Doch eher wie Strauss. Mich stört dieses Künstlerklischee des 19. Jahrhunderts, das noch immer verbreitet ist: Ohr abschneiden und Absinth trinken und im Rausch schöpferisch sein. Bei Thomas Mann oder Goethe oder Dürer war es auch nicht so. Wenn ich eine Lasur drüberziehe an einer Stelle, wo das Rot leuchten soll, als ob es brennt, dann muss es eben erst mal trocknen, bevor ich weitermachen kann. Man sitzt doch nicht vor einer leeren Leinwand und wartet, ob was passiert. Es "passiert" ja woanders: auf Spaziergängen, auf Reisen, in Träumen. Da kommt die Bildidee.

Welt Online: Wie hat der junge Michael Triegel aus Erfurt die altmeisterliche Malerei entdeckt?

Triegel: Vieles kommt sicherlich aus meiner Jugend in der DDR. Ich habe mich mit vielen Dingen beschäftigt, die in der Schule nicht opportun waren. Ich war zwar nicht in einer Kirche und auch nicht bei denen, die auf die Straße gingen. Aber ich schuf mir meine eigene Welt, las Nietzsche und die Bibel, was ja verpönt war. Ein Vorteil des DDR-Schulsystems war, dass dort Begabungen erkannt und gefördert wurden. So kam ich in eine Zeichengruppe. Und ich erinnere mich an einen Sommerkurs im Landschaftspark Tiefurt: Da war ich in Arkadien, in der Kunstlandschaft Goethes, mit Leuten, die so tickten wie ich. Da gab es keinen Kunstdiskurs, da wurde ein Handwerk gelernt.

Welt Online: Als die Mauer fiel, hätten Sie überall studieren können.

Triegel: Meine Eignungsprüfung für die Leipziger Hochschule habe ich noch vor der Wende gemacht. Und ich wusste, dass das, was ich lernen wollte, dort noch gelehrt wird. Damals gab es noch jeweils einen Professor für jede grafische Technik: Radierung, Lithografie, Holzschnitt.

Welt Online: Ihre erstes großes Reiseziel war Rom.

Triegel: Drei Tage nach dem Fall der Mauer habe ich erst mal die westdeutschen Museen abgeklappert. Verwandte und Freunde steckten mir immer mal Geld zu, und mit 1000 D-Mark bin ich im Mai 1990 nach Rom aufgebrochen – mit dem Zelt, was ich eigentlich furchtbar finde, aber da war es traumhaft. Die meisten Bilder kannte ich ja durch Reproduktionen, aber die Originale zu sehen, das war einfach überwältigend. Vor allem die Kunstwerke, die noch an dem Ort zu sehen sind, für den sie geschaffen wurden. Da erkennt man: Das Bild hatte eine Funktion – und war nicht ein reines Artefakt in einem White Cube.

Welt Online: Was war in Rom anders als erwartet?

Triegel: Was ich gemerkt habe als armes Heidenkind: Dass in den Kirchen die Form, die für mich gar nicht mehr mit Inhalt besetzt war, immer noch etwas mit einem macht. Vor dem Hochaltar von "Il Gesu" hatte ich das Gefühl: Eigentlich müsstest du jetzt einen Kniefall machen – die Form zwingt dazu. Dass dieser Inhalt nicht mehr da war, das empfand ich als eine Leerstelle, als Verlust.

Welt Online: Aber Sie sind bis heute nicht Mitglied einer Kirche.

Triegel: Das kann ja noch kommen. Für die Medien war das schön griffig: "Ein Atheist malt den Papst." Aber als Atheist würde ich mich gar nicht mehr bezeichnen. Ich habe eine ungeheure Sehnsucht, ich hätte gern einen Glauben. Und in der Kunst finde ich das manchmal. Das ist dann gar nicht so sehr Renaissance, sondern eher etwas Spätromantisches. Richard Wagner schrieb, wenn Religion versagt, muss die Kunst an ihre Stelle treten. Das ist sicher Hybris. Aber Wagner hat diese Leerstelle empfunden. Auch in seinem Werk gibt es überall die Sehnsucht nach Erlösung.

Welt Online: Wie kamen Sie an den Auftrag für ein Papstporträt?

Triegel: Zu meinem 40. Geburtstag hatte ich eine Ausstellung in Würzburg und machte dort eine Führung für Kinder. Zwei Herren folgten uns, und am Ende stellten Sie sich vor als Vertreter des Bistums und fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, "den Heiligen Vater zu malen". Tatsächlich wollte ich das seit seiner Wahl. Und jetzt fragte mich jemand, ob ich Benedikt XVI. für das nach ihm benannte Institut in Regensburg porträtieren würde! Vielleicht gibt es doch keine Zufälle.

Welt Online: Aber der Papst wollte nicht Modell sitzen.

Triegel: Aus Bescheidenheit, wie es hieß. Sicher auch aus Zeitmangel. Ich bekam offizielle Fotos als Vorlagen, aber das ging gar nicht: der Papst in vollem Ornat, der Papst vor blauem Himmel, segnend, mit Stab und Mitra. So entsteht kein Porträt. Ich bekam dann einen Platz in der ersten Reihe bei einer Generalaudienz, und das war vielleicht noch besser als eine Porträtsitzung. Denn da besteht die Gefahr, dass sich der Gemalte perfekt präsentieren will. In der zweieinhalbstündigen Generalaudienz war er dagegen in verschiedenen Posen zu erleben: Er las, er betete, er saß, er hörte zu – und er sank mit seinen 83 Jahren auch mal zusammen. Das hat mich angerührt. Und das ist alles in mein Bild eingegangen.

Welt Online: Das veränderte Ihr Papstbild?

Triegel: Etwas Wichtiges für mein Gemälde passierte vor seinem Auftritt. Ich kam in diese riesige Audienzhalle, und es herrschte eine Atmosphäre wie vor einem Popkonzert: Alle brüllten in ihrer Sprache ihre Vorfreude heraus. Es war sehr irdisch und banal. Dann spielte eine Zigeunerkapelle die Ouvertüre zu "Wilhelm Tell", und ich dachte: Das kann jetzt nicht sein. Aber der Papst freute sich – während ich dachte: Wie hält er das aus? Mit 83 Jahren, als Intellektueller, der eigentlich nur noch seine Bücher fertig schreiben will und in ganz anderen Sphären zuhause ist. Dieser Jahrmarkt! Er sitzt da auf dem Stuhl Petri, die Massen jubeln, aber es könnte auch eine Spur Einsamkeit dabei sein.

Welt Online: Sie haben dann mit ihm gesprochen.

Triegel: Man tritt zwölf Stufen hinauf und wartet, bis die anderen vor einem fertig sind. Als ich dran war, drehte es sich auch bei mir im Kopf. Ich sollte "Heiliger Vater" und "Grüß Gott" sagen, und dachte: Mit meinem sächsisch-thüringischen Akzent kannst du doch nicht "Grüß Gott" sagen. Und dann steht er auf einem Podest vor einem. Das lässt einen nicht kalt. Der Papst ist eben doch eine mythische Figur, er verkörpert 2000 Jahre Christentum, und für mich spielen auch 500 Jahre Kunstgeschichte eine Rolle – und Raffael, der Julius II. gemalt hat. Er sagte dann scherzhaft: "Sie sind also mein Raffael!" Ich fand das einen netten Einstieg, um die Spannung zu nehmen. Wir haben dann ein paar Worte gewechselt, und gleichzeitig musste ich ihn natürlich genau beobachten: Wie ist die Haut? Wie sind die Hände? Wie sind die Haare?

Welt Online: Auf den ersten Blick wirkt er bei Ihnen nicht unbedingt gewinnend.

Triegel: Ich wollte ihm ein menschliches Antlitz geben, mit all seiner Ambivalenz und der Distanz, die er als Person einfordert. Mit allen Falten und Altersflecken, aber auch einem Blick, der den Betrachter auch zum Betrachteten werden lässt. Ich denke, das kann der Kirche nur gut tun, wenn man nicht nur den segnenden Oberhirten zeigt. Das haben aber nicht alle Beteiligten im Vatikan so gesehen.

Welt Online: Woher wissen Sie das?

Triegel: Ich bekam Briefe. Aber man schickte mir auch ein Foto des Gemäldes mit der Unterschrift des Papstes. Ich denke, er war einverstanden. Und wenn nicht, hätte ich auch nichts geändert.

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© Servizio Fotografico de "L`O.R.", 00120 CITTA DEL VATICANO

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